Mediengestalter Flexografie – 
Ein unbekanntes Wesen?

Auf der gemeinsamen Jahrestagung der Bundesinnung für das Flexografen-Handwerk und der Bundesinnung für das Siebdrucker-Handwerk (04.–08.Juni) in Wolnzach appellierte Theo Zintel, bildungspolitischer Sprecher des Bundesverbandes Druck und Medien (bvdm), eindringlich an die versammelten Unternehmer, die Ausbildung in den zwei Gewerken des grafischen Handwerks in den nächsten Jahren zu verstärken.

Insbesondere im Flexografen-Handwerk sind die Ausbildungszahlen in den letzten Jahren sehr bescheiden ausgefallen. Ist der „Mediengestalter Flexografie“ ein unbekanntes Wesen in der Ausbildungslandschaft? Dazu befragten wir Theo Zintel.

Dr. Bachmann: Die Flexografieunternehmen bilden nur wenig aus. Ist der Lehrberuf Mediengestalter Flexografie tatsächlich so unattraktiv für Unternehmen und Bewerber?

Theo Zintel: An der Attraktivität der Berufsbezeichnung kann es zumindest nicht liegen, dass im Jahr 2012 bundesweit nur zwei neue Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden. Denn auch in den Vorjahren wurden nur zwei bis drei Verträge abgeschlossen, wobei bis Mitte 2011 noch die alte Ausbildungsordnung mit der Berufsbezeichnung „Flexograf“ in Kraft war.

Als die Bundesinnung sich im Rahmen des Neuordnungsverfahrens für die Berufsbezeichnung „Mediengestalter Flexografie“ entschied, hatte man auch das Berufemarketing im Blick. Auf dem Markt gibt es wohl viele Berufe mit zeigemäßen Inhalten, aber leider klingen die Berufsbezeichnungen für Jugendliche oft nicht sehr attraktiv. Hier muss man ansetzen und Berufsbezeichnungen auf dem Ausbildungsmarkt platzieren, die Aussagen zur Qualifikation treffen und zeitgemäß klingen. Nun vereinigt der Mediengestalter Flexografie zwei positiv besetzte Begriffe. Das ist zum einen der Begriff „Medien“, denn wer will nicht in der Medienproduktion tätig sein? Zum anderen denkt so mancher Jugendliche bei „Gestaltung“ an Kreativität und auch an Gestaltungsspielraum.

Dr. Bachmann: Aber sieht die Realität in den Handwerksbetrieben nicht anders aus? Ist ein Mediengestalter Flexografie nicht eher Handwerker als Kreativer?

Theo Zintel: Meinen Sie Kreativität versus Handwerk? Ich sehe hier keinen Widerspruch, denn Kreativität hat immer zwei Komponenten. Landläufig wird Kreativität oft gleichgesetzt mit dem Geistesblitz oder der fantastischen Idee, die nur noch am Mac oder dem PC mit einer Layout- oder Grafiksoftware umgesetzt werden muss. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist das Beherrschen von Gestaltungsregeln, von Typografiegesetzen, von Regeln der Komposition von Bild, Text und Grafik. Wer das Regelwerk beherrscht, kann freier gestalten, darf dann auch mal begründet die Regeln brechen. Regeln sind die Grundlagen und die wende ich als Gestalter Tag für Tag in der betrieblichen Praxis an. Das Schöne an dem Beruf ist ja die Einzelfertigung, jedes Produkt sieht anders aus, ich gestalte für ganz unterschiedliche Branchen ganz unterschiedliche Produkte. Also, um Ihre Frage auf den Punkt zu bringen: Ja, in der betrieblichen Realität muss handwerkliches Können und Kreativität zu einer Symbiose verschmelzen, sie sind kein Gegensatz. Und die Qualität entscheidet nicht der PC oder der Mac oder die neue Gravieranlage, sondern wesentlich der gut ausgebildete Mediengestalter Flexografie.

Dr. Bachmann: Wenn der Beruf so vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bietet, sollten doch mehr Betriebe ausbilden?

Theo Zintel: Ich gehe sogar noch weiter, denn wenn die Flexografiebetriebe in den nächsten Jahren nicht stärker ausbilden, läuft die ganze Branche Gefahr, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Sehen Sie, als wir die neue Ausbildungsordnung gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di und dem Bundesinstitut für Berufsbildung entwickelt haben, standen wir mit den geringen Ausbildungszahlen im Ausbildungsberuf Flexograf seitens der Ministerien schon gewaltig in der Kritik. Wir mussten uns die Frage gefallen lassen, ob eine neue Ausbildungsordnung noch Sinn macht. Unsere Antwort konnte deshalb nur lauten: Mit dem neugeordneten Beruf wird die Attraktivität steigen und die Betriebe werden auch ihre Ausbildungsaktivitäten steigern. Ich hatte mich gegenüber den Ministerien weit aus dem Fenster gelehnt und eine 1000-prozentige Steigerung in den nächsten drei Jahren prognostiziert. Das war nicht utopisch, aber daran müssen wir noch arbeiten.

Dr. Bachmann: Dazu kommt noch die Demografie...

Theo Zintel: Der demografische Wandel hat uns in einigen Berufen schon voll er- wischt. Heute werben viele Branchen mit ihren attraktiven Berufen um weniger Jugendliche. Das bedeutet ganz konkret, will man die Zukunft seines Unternehmens sichern, muss man jetzt ausbilden und die Werbung für den Beruf ausbauen.

Dr. Bachmann: Aber hat man denn mit einer so speziellen Ausbildung nach Abschluss der Ausbildung überhaupt Chancen auf dem Arbeitsmarkt einen Arbeitsplatz zu finden?

Theo Zintel: Der Charme des Berufes ist ja gerade seine breite Aufstellung. Wer Mediengestalter Flexografie gelernt hat, findet auch in der gesamten Gestaltungsbranche wie Druckereien, Produktions- und Werbeagenturen eine Alternative zur Flexografie. Und gegenüber den „normalen“ Mediengestaltern hat ein in einem Flexografiebetrieb ausgebildeter Gestalter einen wesentlichen Vorteil: er stellt meist auch das Endprodukt her, das er gestaltet hat. Er versteht damit sehr viel von den Produktionsprozessen und -abläufen.

In einer Ihrer Ausgaben von Innovation und Technik habe ich kürzlich eine bezeichnende Anzeige gelesen. Da wird ein Teamleiter für eine Stempel- und Schilderfabrik gesucht. Als Ausbildungsvoraussetzung werden die Berufe Flexograf, Mediengestalter oder Graveur genannt. Offensichtlich, so interpretiere ich das, verschwimmen hier auch die Grenzen zwischen den Berufen. Warum auch nicht? Mediengestalter Digital und Print gestalten Print- und Digitalmedien, Graveure gestalten Schilder und Mediengestalter Flexografie gestalten und produzieren vielfältige Flexografieprodukte. Die Werkzeuge sind bei allen gleich. Entscheidend in der Anzeige waren deshalb die geforderten Kenntnisse, wie Umgang mit Mac, QuarkXPress, Freehand und Photoshop. Auch die Lasergravur war genannt. Die kurze Aufzählung in der Anzeige verdeutlicht die Vielfalt des Berufes. Aber wie bereits erwähnt, müssen die Werkzeuge auch beherrscht werden. Die Grundlage dazu wird in der Ausbildung vermittelt.

Dr. Bachmann: Nicht selten scheuen aber Betriebe davor zurück, grundständig auszubilden?

Theo Zintel: Natürlich, Ausbildung kostet Geld, Zeit und Mühe, sie bedeutet aber meistens für Betriebe einen Zugewinn, der sich nicht unmittelbar in Heller und Pfennig auszahlt, sondern Ausbildung ist eine langfristige und nachhaltige Investition.

Die Bundesinnung für das Flexografen-Handwerk und die Handwerkskammern geben den Ausbildungsbetrieben auch konkrete Hilfestellungen. So findet man auf der Homepage des ZFA (http://www.zfa-medien.de/ausbildung/mg-flexografie/beruf/planer.php) ein Tool für die Ausbildungsplanung, mit dem man betriebliche Ausbildungspläne generieren kann. Und natürlich werben wir als Verband mit Printprodukten, Homepages und Videos auf Youtube und facebook für unsere Berufe. Letztlich aber muss jeder Betrieb sich selbst für die Ausbildung entscheiden.

Dr. Bachmann: Gerade haben wir auf der Jahrestagung drei junge Menschen für ihren Abschluss zum Flexografenmeister gewürdigt. Auch diese Zahl kann man kritisch sehen, wenn man bedenkt dass nur selten Flexografenmeister ihre Prüfung machen.

Theo Zintel: Zunächst sage ich Herzlichen Glückwunsch an die frisch gebackenen Meister und die Meisterin. Man kann diese nebenberuflich erworbene Qualifikation nicht hoch genug einschätzen. Natürlich sah das quantitativ in früheren Jahren besser aus. Aber wichtig ist auch hier die Sicherung der Qualität im Flexografen-Handwerk. Die Meisterausbildung hat mit Recht einen herausragenden Stellenwert in den Flexografieunternehmen, denn in der Branche sind kaum Ingenieure oder andere FH-Absolventen tätig. Die Innovationen in Technik, Kreativität und auch Marketing kommen von den Handwerksmeistern. Und sie sind es auch, die für eine qualitativ hochwertige Ausbildung stehen. So schließt sich der Kreis: Wer nicht ausbildet, hat mittelfristig keine Fachkräfte und kann keine Meister qualifizeren.

Dr. Bachmann: Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview.