Großbritannien nähert sich italienischen Verhältnissen, auch wenn die gerade einen Rechtsruck gemacht haben – was daraus wird, weiß auch noch niemand. Werden die Menetekel eines faschistoiden Italiens sich bewahrheiten? Wird Großbritannien nach den vehementen Brexiteers Johnson und Truss den Rückwärtsgang einlegen und sich wieder zurück in die EU abstimmen? Für beides muss man ehrlicherweise „Nein“ sagen. Weder wird das mittlerweile Demokratie gefestigte Italien in einen rechts-totalitären Staat mutieren, noch wird der neue Premierminister von seinem Brexitkurs abweichen.

Ursula von der Leyen hat bereits mit dem neuen Premier Kontakt aufgenommen und eine intensive Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich angeboten. Die Zeit dazu wäre reif! Auch wenn sicher nicht alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf der Insel auf den Abschied aus der EU zu schieben sind, so haben sich doch viele – wenn nicht alle – der Glückseligkeit versprechenden Versprechen in Luft aufgelöst.

Das Einwanderungsproblem kann auch Westminster nicht ohne internationale Zusammenarbeit lösen. Menschen aus den ehemaligen britischen Kolonien, die historisch bedingt recht gut Englisch sprechen, wollen eben eher dahin, wo sie sich verständigen können als dahin, wo sie schon auf eine Sprachbarriere treffen. Ob die über den Kanal kommen – Johnson hatte sich zuvor darin verstiegen, den Franzosen absichtliche Schieberei vorzuwerfen – oder ob sie per Schiff oder Flugzeug kommen – sie kommen, nach wie vor.

Im Gegenteil hat ja der Austritt aus der EU und die Arbeitsbeschränkungen für europäische Arbeiter zu absurden Situationen geführt. Das NHS, das britische Gesundheitssystem war kurz vor dem Kollaps, weil die osteuropäischen Pflegekräfte fehlten, deutsche Ärzte nicht mehr zum Operieren einreisen konnten, Bus- und Transportunternehmen konnten nicht fahren, weil die Fahrer fehlten, was nicht schlimm war, es gab ja auch keinen Sprit … Die Bauwirtschaft klagte ebenso über fehlende Arbeitskräfte, sie bediente sich – komisch – bei schlecht bezahlten Osteuropäern. Das Pfund befand sich zwischenzeitlich im freien Fall, hat sich aber mittlerweile stabilisiert.

Das Vereinigte Königreich könnte sich für den norwegischen oder den schweizerischen Weg entscheiden. Beide Länder haben ähnliche Verträge mit der EU abgeschlossen und betreiben einen guten und geregelten Waren-, Arbeitskraft- und Dienstleistungsverkehr mit der EU. Beide Seiten profitieren, denn weder Norwegen noch die Schweiz können aus ihrem europäischen Rahmen heraus. Und die EU hat mit den beiden starke Partner, mit denen man sich auf Augenhöhe trifft.

Und für den europäischen Friedensprozess wäre eine intensive Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU wichtig. Irland ist immer noch ein geteiltes Land, Nordirland gehört zum Vereinigten Königreich und die Republik Irland gehört zur EU. Der Wahnwitz Boris Johnsons, die Grenze zwischen den beiden wieder in eine „harte Grenze“ zu verwandeln, hat schon die ersten Reaktionen der eigentlich befriedeten Seiten (katholische Republikaner und protestantische Unionisten) hervorgerufen; und wirklich niemand will die von beiden Seiten ausgeführten terroristischen Akte wieder sehen.

Ist also eine Neuverhandlung des Brexitvertrages notwendig? Sicher nicht. Eine konsequente Umsetzung der Vereinbarungen aber schon. Beide Seiten müssen den jeweils anderen ernst nehmen und sich an die Vereinbarungen halten.

Sunak kommt aus dem Hedge Fond Bereich, er wird sicher eine pragmatische Form der Zusammenarbeit finden wollen, die beiden Seiten nützlich sein kann. Und über die Einhaltung hinaus wird er sicher auf die EU zugehen wollen, damit der wirtschaftliche Schaden für beide wieder gut gemacht werden kann.

Zukunft braucht Wirtschaft und Wirtschaft braucht Zusammenarbeit!

Herzlichst, Ihr

Bernhard Diel

OStR iE, Geschäftsführer der AEGRAFLEX