Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir führen einen Präventivkrieg gegen Corona

Das obige Zitat, das Otto von Bismarck zugeordnet wird, beschreibt die derzeitige Situation recht gut. Wir führen einen erbitterten Präventivkrieg. In der näheren Vergangenheit kennen wir einige Präventivkriege, bzw. -schläge. Die Israelis haben im sogenannten „Sechstagekrieg“ 1967 sieben (acht) Nationen innerhalb von sechs Tagen besiegt, die Folgen sind noch heute spürbar. Es war offensichtlich keine Lösung für den damals schon absehbaren Nah-Ost-Konflikt. Die Allianz im „Dritten Golfkrieg“ (oft auch zweiter Golfkrieg) besiegte in eineinhalb Monaten den Irak, die Folgen sind ebenso noch heute spürbar, eine „Reduktion der terroristischen Gefahr“ ist nicht sichtbar.

So ähnlich sieht es aus im Krieg gegen das Corona-Virus. Der Lockdown, der weltweit durchgeführt wurde (mal mehr mal weniger lang, mal mehr mal weniger effektiv), hat eine ziemliche Delle in der Weltwirtschaft hinterlassen – und die Gesellschaften in vielen Ländern gespalten.

Nun sieht es so aus, als ob dieses Virus sich langsam aber sicher selbst „zu Tode mutieren würde“ – so zumindest einige Virologen, die „Omikron“-Variante scheint da ein erster sichtbarer Schritt zu sein. Es ist aber problematisch und ungenau, wenn wir für die allseits bekannten und verhassten Corona-Maßnahmen mit ihren „Triggern“, derzeit hauptsächlich die Inzidenzen und die Hospitalisierung in den Fokus nehmen.

Viele Veranstaltungen werden derzeit storniert: prominentes Beispiel in unseren Branchen ist die PaperWorld, die Folgendes verlautbart: „Die in kürzester Zeit jedoch nun wieder weltweit exponentiell angestiegenen Infektionszahlen und damit einhergehende Vielzahl an Entwicklungen und Beschlüssen, die klar außerhalb der Einflusssphäre des Veranstalters liegen, führen zu einer signifikanten Verschlechterung der Rahmenbedingungen und notwendigen Voraussetzungen für die Durchführung der vier Leitmessen als Großveranstaltungen von internationaler Relevanz Ende Januar resp. Mitte Februar 2022.“

Die Bundesrepublik Deutschland begeht in Sachen Wirtschaft – und das sind nicht nur die Kneipen und Restaurants – derzeit Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Zahlreiche, wechselnde, sich sogar teils widersprechende Hygieneregeln zerstören die Möglichkeiten der Märkte. Und dabei sind gerade die Messen „Ankerpunkte“ der vielen KMUs. „Man trifft sich“ auf den Messen, knüpft Kontakte, macht Geschäfte. Das alles wird geopfert auf dem Altar der Vorsicht.

Auf der anderen Seite werden Schulen derzeit als „systemisch wichtig“ auf Biegen und Brechen offengehalten, bzw. die Inzidenz in der Altersgruppe der 6–10-Klässler liegt über 2500 – die dürfen nicht zuhause bleiben, damit kein weiterer angesteckt wird, die müssen in den Präsenzunterricht in volle Klassenräume.

Messen, die in großen Hallen mit ordentlicher Lüftung stattfinden, bedürfen 3G, 3G+, 2G und manchmal sogar 2G+, so schafft man Misstrauen und Angst. Das verändert den sogenannten „CPL“, den Cost per Lead, also die Kosten pro Kontakt – einer der wichtigsten Faktoren einer Messe. Wenn ich Messen schlecht rede, geht niemand hin, wenn niemand hingeht, kommen keine Aussteller, wenn keine Aussteller kommen, stirbt die Messe.

Und doch sind die Messen Innovationsfaktoren sondergleichen, hier „trifft man sich“, eben auch der Anbieter und der Kunde, die sich austauschen können, welche Produkte gut sind, wie welche Produkte besser gemacht werden könnten, was der Endkunde vielleicht haben möchte.

Wir spüren die Folgen des Präventivkrieges schon jetzt: der erwartete Boost nach der Krise ist nicht so eingetreten wie erwartet, alles ist verzögert, auf Eis gelegt. Es ist Zeit zu handeln. Mehr Mut. Mehr Handeln. Jetzt.

Herzlichst, Ihr

Bernhard Diel

(OStRiE) ist Geschäftsführer der AEGRAFLEX, der europäischen Vereinigung der Graveure und Flexografen.