Leben heißt Wandel

Liebe Leserin, lieber Leser,

Wir alle befinden uns ständig im Wandel: aus jung wird alt, aus unerfahren wird weise… Die konservativen Parteien in Europa haben das auch für sich erkannt und wollen nun mit der Welle schwimmen.

Und die Wellen schwappen derzeit so hoch wie nie. Die Wutbürger:innen wollen ihre Argumente alleine gelten lassen, Kompromiss, offene Debatte? Fehlanzeige! In der Bundesrepublik wird das allenthalben als „…wende“ bezeichnet. Und wir haben hier schon viel gewendet.

Energiewende, Verkehrswende, Mobilitätswende, Nahrungsmittel- wende, Sprachenwende…

Aber sind all diese Wenden denn auch zielführend im Sinne des Allgemeinwohls, im Sinne des Bürgers (ja, ich nutze lieber das generische Maskuklinum als die sprachverbiegenden Genderisierungen, vielleicht bin ich da zu konservativ)?

Will „der Bürger“ das alles wirklich – also im Sinne von: es hat eine Wirkung? Oder will der Bürger doch lieber in Ruhe gelassen werden, sein Geld verdienen, seine Familie ernähren und gut leben? Ich bin da mal ganz ehrlich, ich will lieber leben.

Ich bin ehrlich gesagt froh, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der es als gut galt, das Nest zu verlassen, Neues zu erforschen, Dinge zu erleben und ja auch zu „erfahren“, zuerst mit dem Fahrrad, dann dem Motorrad, dann dem Auto – aber immer auf der Suche nach mehr Wissen, auch wenn ich das damals noch nicht wusste.

Wir Menschen leben davon, mehr zu erfahren, mehr zu erlernen. Und das geht nicht, wenn ich nur zuhause auf meiner Scholle bleibe, das wäre Stillstand – und Stillstand ist eigentlich schon ein Rückschritt. Verstehen Sie das bitte nicht falsch! Mit mehr Wissen kommt auch mehr Verantwortung. Mehr Verantwortung für mich selbst, aber eben auch mehr Verantwortung für andere. Auf der Scholle habe ich nur einen kleinen Kreis, in dem ich verantwortlich bin, meine Familie, mein Dorf. Aber das Leben spielt sich eben nicht nur da ab.

Jeder Mensch – wie jedes andere Lebewesen auch – beeinflusst seine Umwelt, verändert sie, damit er besser leben kann.

Aber wir haben auch erkannt, dass kurzfristige Maßnahmen langfristige Wirkungen haben. Eine kleine Entscheidung heute führt zu großen Auswirkungen später. Das müssen wir in einen Einklang bringen.

Wir dürfen vor lauter Wenden das Leben nicht vergessen, auch unser eigenes nicht. Und auch bei unseren vielen Wenden dürfen wir die Konsequenzen nicht vergessen. Es gibt nämlich in diesem Leben nichts umsonst.

Beispiel Energiewende: wir wollen lieber Strom und Energie aus „regenerativen“ Quellen beziehen, die sind aber derzeit nicht immer verfügbar, die Speichertechnik ist noch Lichtjahre von einer stabilen Versorgung entfernt. Also kaufen „wir Deutschen“ den Strom in Frankreich oder in Tschechien. Und das auch noch von den anerkannt unsichersten Kernkraftwerken, weil „wir“ ja Angst vor einem Tsunami in Deutschland haben.

Verkehrswende: Verkehr raus aus der Innenstadt. Klingt gut, aber wie kommen die Waren in die Innenstädte – auf dem Lastenrad? Wer will die ungeheure Zahl an Arbeitnehmern finanzieren, die dafür notwendig werden?

Mobilitätswende: Elektromobilität klingt schön, wenn man auf den Ausstoß von Abgasen am Fahrzeug schaut. Der Strom für die Fahrzeuge wird ja woanders hergestellt, z.B. in Temmelin. In der Großstadt kann man alles mit dem ÖPNV wunderbar erledigen, in Flächenkreisen fahren die Busse, wenn es gut geht, im Stundentakt, und dann nur bis abends 20 Uhr. Mobil auf dem Land ohne Auto?

Nahrungswende: Kein Fleisch mehr, keine Südfrüchte, nur noch Saisonales? Geht, ist aber ungesund. Der Mensch ist nicht umsonst mittlerweile in der Lage so alt zu werden wie heute.

Sprachenwende: wird, nur weil wir nun „gendern“ irgendwer weniger diskriminiert? Werden Sinti und Roma weniger misstrauisch beäugt, weil wir die Sauce nicht mehr Zigeunersauce nennen? Werden Menschen, deren Hautfarbe nicht „europäisch“ aussieht, weniger diskriminiert, weil wir nicht mehr Negerkuss sagen? Oder Mohren-irgendwas?

Mit der nachdenklichen Frage: quo vadis Europa, Deutschland, Gesellschaft…

Herzlichst Ihr

Bernhard Diel

(OStRiE) ist Geschäftsführer der AEGRAFLEX, der europäischen Vereinigung der Graveure und Flexografen.